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Die Preisträger

etzioni Amitai Etzioni

Ein langes Wissenschaftler-Leben lang hat sich der im Jahre 1929 in Köln geborene Amitai Etzioni der Frage gewidmet, wie der Kapitalismus eine menschlichere Prägung bekommen kann. Seine Kernthese: Das Streben nach Individualität und das Engagement des Einzelnen für das Gemeinwohl müssen in ein Gleichgewicht kommen.

Etzioni hat als Grundübel für die aktuellen Fehlentwicklungen den überzogenen Individualismus der Menschen ausgemacht. Als prägend für diese gegenwärtig dominierende Auffassung der Identität des Einzelnen beschreibt er ein ‚Ich’, dem der Bezug zum ‚Wir’ verloren gegangen ist. Das Selbstbild der wirtschaftsliberalistischen westlichen Gesellschaften, das bislang dem Individuum stets Vorrang vor der Gemeinschaft einräumt – für Etzioni ist es langfristig unhaltbar. Seine Kritik: Wir haben unser Mitgefühl an den Staat delegiert. Diejenigen, die mehr Einkommen haben als die anderen, empfinden keine Solidarität mehr. Ihnen ist das Gefühl für das gesellschaftliche ‚Wir’ abhanden gekommen. Jedes Mitglied der Gemeinschaft, so der renommierte Soziologe, schuldet allen übrigen etwas, wie umgekehrt die Gemeinschaft jedem ihrer Mitglieder etwas schuldet.

Amitai Etzioni wurde 1929 in Köln geboren und hieß ursprünglich Werner Falk. 1936 floh seine Familie mit ihm vor den Nazis nach Palästina, wo er seinen heutigen Namen erhielt. Der Wissenschaftler ist inzwischen amerikanischer Staatsbürger und lehrt Soziologie an der George Washington University in Washington D.C. Dort leitet er das Institute for Communitarian Policy Studies. 2001 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Zu den Hauptwerken von Amitai Etzioni gehören „Die Verantwortungsgesellschaft“ (1997, dt. 1997) und „Die Entdeckung des Gemeinwesens“ (1993, dt. 1995).

sen_amartya_SW2007 Amartya Sen (2007)

Für Amartya Sen ist die Entwicklung des Menschen an die Freiheiten zur Selbstentfaltung geknüpft, die sich ihm eröffnen. Die einzigartige Verbindung von ökonomischen und philosophischen Einsichten, die Sens Werk aufgrund seines interdisziplinären Hintergrunds prägen, zeigt sich deshalb in der Erkenntnis, dass Identität nicht allein eine persönliche Frage ist, der sich jedes Individuum zu stellen hat, sondern eine weltumspannende Aufgabe. Politische Stabilität, wirtschaftliche Möglichkeiten und soziale Chancen gehören für ihn unteilbar zusammen, wenn es darum geht, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern.

Die Bücher von Amartya Sen wurden in über 30 Sprachen übersetzt und entwickeln mit ihren philosophischen und ökonomischen, politischen und moralischen Perspektiven einen umfassenden Blick auf das Thema Identität im globalen Kontext. In Deutschland stießen vor allem sein jüngstes Buch „Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“ und „Ökonomie für den Menschen“ auf große Resonanz.

Amartya Sen (* 1933) ist Lamont-Professor sowie Professor der Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). In früheren Jahren lehrte der gebürtige Inder auch an der Delhi University, der London School of Economics und in Oxford sowie als Gastprofessor am MIT, in Stanford, Berkeley und Cornell. 1998 erhielt er den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie, zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und zum Lebensstandard. Als Präsident verschiedener internationaler Wirtschaftsorganisationen untermauerte er stets die Praxisrelevanz seiner wissenschaftlichen Arbeiten. So geht die Einrichtung des Human Development Index, den das United Nations Development Programme seit 1990 regelmäßig herausgibt, nicht zuletzt auf seine Initiative zurück.

Laudator: Prof. Dr. Carl Christian Freiherr von Weizsäcker, Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Gemeinschaftsgüter in Bonn

Die Laudatio anlässlich der Preisverleihung am 28. November hielt Prof. Dr. Carl Christian Freiherr von Weizsäcker. Der international angesehene Ökonom lehrte in Heidelberg, Bonn, Bielefeld, Bern und Köln sowie am Massachusetts Institute of Technology und war bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2003 Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts in Köln. Seit seiner Begegnung mit Amartya Sen in den 60-er Jahren an der Universität in Cambridge ist er dem Preisträger nicht nur aufgrund gemeinsamer wissenschaftlicher Interessen, sondern auch freundschaftlich verbunden.

Prof. Dr. Carl Christian Freiherr von Weizsäcker würdigte in seiner Laudatio das besondere Verdienst von Amartya Sen bei der Thematisierung der Frage, was Freiheit bedeute und unter welchen Vorzeichen eine Gesellschaft in Freiheit denkbar sei. „Amartya Sen hat die Wichtigkeit tatsächlicher Möglichkeiten des Handelns und des Bestehens von Alternativen aufgegriffen und verbindet damit in einzigartiger Weise die Ebene individueller Bedürfnisse mit der Notwendigkeit, einen für alle Menschen gleichsam geltenden Rahmen der Entfaltung zu schaffen“, so von Weizsäcker. Aufgrund seiner überragenden Expertise nicht nur in ökonomischen, sondern auch in philosophischen Fragestellungen sei es Sen gelungen, eine stabile Brücke zwischen zwei sich häufig als grundverschieden verstehenden Fachdisziplinen zu bauen. Mit seinen überragenden wissenschaftlichen Leistungen, beispielsweise im Bereich der Sozialwahltheorie und der Entwicklungspolitik, habe er nicht nur die gängigen Sichtweisen im universitären Umfeld erweitert, sondern auch praktische Veränderungen herbeigeführt. „Amartya Sen ist ein leuchtendes Beispiel für die Ausnahme eines erfolgreichen Einflusses eines Sozialphilosophen auf die tatsächlichen Geschehnisse seiner Zeit. Seine Tätigkeit für die UNO, für die Weltbank und für andere Organisationen war sehr erfolgreich und hat wesentlich dazu beigetragen, die Arbeit dieser Organisationen zu verbessern“, so von Weizsäcker.


Tugendhat Ernst Tugendhat (2005)

Ernst Tugendhat gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Sprachanalytischen Philosophie in Deutschland und als profiliertester Vermittler zwischen angelsächsischer und deutschsprachiger Tradition des Philosophierens. In den 80er Jahren wandte er sich der praktischen Philosophie zu – besonders den Fragen der Moral, des Egozentrismus und der Anthropologie. Er verabschiedete sich von der Tradition, Philosophie aus der Idee der Freiheit zu begründen ebenso wie vom Kernbegriff der Metaphysik, dem Absoluten. „Ich habe meine Meinung immer wieder geändert“, so Tugendhat im Rückblick. „Das geht mir eigentlich mit allen Fragen so. Ich werde nicht fertig.“ Seinen Ruf erwarb er sich mit einer, meist angelsächsischen Wissenschaftlern attestierten Fähigkeit: in höchstem Maß verständlich zu argumentieren. Seine Bereitschaft, eigene Erkenntnisse und Meinungen aufgrund stichhaltiger Einwände zu revidieren, verhalf ihm zu seiner herausragenden Position. Zu seinen wichtigsten Werken zählen: „Vorlesungen zur Einführung in die Sprachanalytische Philosophie“ (1976), „Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung“ (1979), „Philosophische Aufsätze“ (1992) und „Egozentrizität und Mystik“ (2003).

In seinem jüngsten Buch folgt Ernst Tugendhat seinem sprachanalytischen Ansatz, konzentriert ihn aber auf anthropologische und religiöse Fragestellungen. Die These von „Egozentrizität und Mystik“: Man kann nur „Ich“ sagen, weil man ein Bewusstsein von Anderen und von einer Welt hat. Das hat zur Folge, dass der Mensch in einer Spannung zwischen zwei Polen lebt. Er nimmt sich „Ich“-sagend absolut wichtig und leidet zugleich an diesem Anspruch. Andererseits kann er, indem er „von sich zurücktritt“, seine Egozentrizität gegenüber anderen und der Welt relativieren. Sinn und Verhältnis von Religion und Mystik – als herkömmliche Wege, die Einheit des Menschen angesichts der Polarisierung zu sichern – bestimmt Tugendhat neu. Der Mystik gibt er den Vorzug: Sie sei ein Zurücktreten von der eigenen Egozentrizität. Zugleich soll sie die Basis für eine allen zugängliche Religion bilden. Diese Abkopplung von den jüdisch-christlichen Wurzeln der Mystik – sie kulminiert für ihn in der buddhistischen Figur des mitleidigen Bhodisattva – wird stark diskutiert.

Geboren am 8. März 1930 in Brünn (heute Brno in der Tschechischen Republik), floh Ernst Tugendhat 1938 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten zuerst in die Schweiz, 1941 nach Südamerika. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Ernst Tugendhat Klassische Philosophie an der Stanford University in Kalifornien (USA), ehe er 1949 nach Europa zurückkehrte, um bei Martin Heidegger in Heidelberg zu studieren. Nach Stationen an den Universitäten Freiburg, Tübingen, Heidelberg, am Starnberger Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie und der Freien Universität Berlin ging er 1992 wieder nach Südamerika und lehrte in Santiago de Chile. Ernst Tugendhat lebt heute in Tübingen.

Laudator: Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma, Gründer und Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Die Laudatio anlässlich der Preisverleihung am 5. Dezember hielt Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma, Literaturwissenschaftler und Essayist. Als Gründer (1984) und Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung war Reemtsma verantwortlich für die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“. Er lehrt seit 1996 an der Universität Hamburg Neuere Deutsche Literatur.

„Dass Tugendhats Werk mit dem Meister-Eckhart-Preis ausgezeichnet wird, ist eine schöne Idee“, sagte Jan Philipp Reemtsma in seiner Laudatio. Der Preisträger gehe den sprachanalytischen Weg, „um große Themenkomplexe der abendländischen Philosophie unter Einbeziehung der Interpretation seiner historischen Vorgänger noch einmal zu behandeln“. Reemtsma fasziniert besonders, dass Tugendhat sein moralphilosophisches Begründungsprogramm immer erneuten Revisionen unterzieht. „Er hätschelt seine Gedanken nicht, sondern ist in der Lage, als unzureichend Erkanntes ausgesprochen rüde abzufertigen. Tugendhat lebt hier etwas vor, was ich mit der Formulierung Sartres nennen möchte: Intellektuelle sollten nicht zu solidarisch mit sich selbst sein.“ Zum jüngsten Werk des Preisträgers, „Egozentrizität und Mystik“, führte Reemtsma aus: „Mit diesem Buch gewinnt Tugendhat wieder, was die moderne Philosophie aufgegeben hat: dass Philosophie auch Lebensentwurf ist.“ Und er betonte weiter: „Die Weisheit, die Tugendhat mit Rekurs auf den Buddhismus, aber vor allem auf den Daoismus bestimmt, ist das Ende der Ambition.“


levi-straussClaude Lévi-Strauss (2003)

Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss (* 28. November 1908 in Brüssel) gilt als Begründer des Strukturalismus. Er studierte an der Sorbonne in Paris Rechtswissenschaften und Philosophie und wurde 1934 als Professor an die Universität von São Paulo berufen. Von 1942 bis 1945 unterrichtete er an der School for Social Research in New York. Von 1959 bis zu seiner Emeritierung 1982 war er Professor für Sozialanthropologie am renommierten Collège de France. 1968 erhielt er die Goldmedaille des Centre National de la Recherche Scientifique, die höchste wissenschaftliche Auszeichnung Frankreichs.

Sein Hauptwerk „Traurige Tropen“ schrieb der Grand Seigneur der Ethnologie, Claude Lévi-Strauss, zwar schon Mitte der fünfziger Jahre. Doch es birgt in Zeiten fortschreitender Globalisierung immer noch Aktualität. Denn mit seiner strukturalistischen Methode will er belegen, dass grundlegende mentale Prozesse in allen Kulturen gleich sind. In kulturellen Phänomenen verschiedener Völker können universelle Denkmuster aufgedeckt werden, die er vor allem in dem Aufbau von Mythen verfolgt. Das wilde Denken der vorwiegend von ihm untersuchten indianischen Gesellschaften, zeigt: der nicht-westliche, nicht nach unseren Kriterien zivilisierte Geist ist uns insofern gleich, als er letztlich auf den gleichen fundamentalen Strukturen des menschlichen Denkens beruht.

Hat es dann auf einer viel tiefer liegenden Ebene des menschlichen Denkens immer schon ein „global villagegegeben? Wenn sich für Claude Lévi-Strauss die kulturellen Unterschiede nur in dem äußeren Erscheinungsbild zeigen, darunter aber Universelles aufdeckbar ist – befindet sich die von westlichen Inhalten bestimmte Globalisierung unserer Zeit dann auf dem Weg, nun auch noch diese einzigen äußerlichen Unterschiede mit Hilfe der amerikanischen McDonaldisierung einzuebnen? Dann wären die äußerlichen Eigenheiten von Kulturen immer schon nur ein trotziges Aufbegehren gegen das sie alle einende Denksystem gewesen. Doch auch eine solche Sichtweise birgt Fallstricke, wenn man z.B. auf die Gegensätze zwischen der westlichen und muslimischen Welt schaut. Mit diesen Ergebnissen seiner anthropologischen Ethnologie könnte das Werk von Claude Lévi-Strauss nämlich zugleich noch brisanten Denkstoff zum Konflikt des Westens mit dem islamisch motivierten Terror geben. (Dr. Bernd Rasche)

Laudator: Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Spies, ehemaliger Direktor des Musée d‘Art Modern im Centre Pompidou

„Im Mittelpunkt steht bei Claude Lévi-Strauss der Bezug zum Leben, zu den unterschiedlichsten Formen von Leben. Diese werden entdeckt, etikettiert und der vermeintlich kulturellen und psychologischen Einzigartigkeit europäisch-westlicher Daseinsform entgegengehalten. Das Erscheinungshafte und Überwältigende, fassbar im Geflecht immer neuer Gefährdungen und Abenteuer, tritt in den Vordergrund. ... Eine Hermeneutik steht im Vordergrund, die ihre Bilder und Erkenntnisse der Begegnung mit dem Zufälligen und Übersehenen entnimmt. Ständig begegnen wir dem, was Lévi-Strauss erreichen möchte: Erinnerung durch Inventar: ‚denn selbst die heteroklite und arbiträre Klassifizierung wahrt den Reichtum und die Mannigfaltigkeit des Inventars; indem es entscheidet, alles zu berücksichtigen, erleichtert es, ein Gedächtnis zu konstituieren.’ ... Wir haben das Echo der Worte im Ohr, mit denen uns Lévi-Strauss in fremde Zonen entführt und dabei, mit Präzision und Sinnlichkeit, das Ungesehene, Übersehene zum Ausdruck bringt: Es geht überall im Werk um die Offenlegung einer akuten Zeitlichkeit, die vor dem Hintergrund des umfassenderen Auftrags des Anthropologen, Soziologen und Ethnologen wie die schockierende Konfession eines Menschen wirkt, der sich in seiner Zerbrechlichkeit und Fragwürdigkeit selbst erkunden und definieren muss. Dies erscheint als Voraussetzung für das außergewöhnliche Interesse am anderen, das aus diesen Seiten spricht. Die systematische Sorge um das Andere – das erloschene oder untergehende Andere – ist das, was diesem OEuvre seine unerhörte und unersetzliche Energie verleiht.“


rorty Richard Rorty ✝ (2001)

Richard Rorty gilt als einer der radikalsten anti-metaphysischen Denker unserer Zeit. Sein Werk ist zutiefst geprägt von einem atheistischen Grundmotiv, das sich in der ethischen These ausdrückt: „Wir sollten versuchen, an den Punkt zu kommen, wo wir nichts mehr verehren, nichts mehr wie eine Quasi-Gottheit behandeln, wo wir alles, unsere Sprache, unser Bewusstsein, unsere Gemeinschaft, als Produkte von Zeit und Zufall behandeln." (aus: Kontingenz, Ironie und Solidarität, 1989, S. 50)

Dieser ‚Atheismus‘ Rortys beinhaltet zugleich ein anti-fundamentalistisches theoretisches Denken und eine antiautoritäre praktische Haltung. Das heißt: Alles, was wir denken oder wünschen, kann nicht auf ein letztes vermeintlich wahres Fundament zurückgeführt werden; und jeder Anspruch auf höhere Autorität ist in diesen Fragen zurückzuweisen, weil es keine allgemeingültige Autorität für alle Menschen gibt. Dennoch muss man nach Rorty der Versuchung widerstehen, seine eigene Sicht der Dinge als absolut oder wahr zu erklären. Ein solcher Wahrheitsglaube widerspräche aber der demokratischen Utopie, für die Rorty letztlich schreibt, und die das politische Motiv hinter seinen philosophischen Schriften darstellt. Deshalb spricht Rorty von einem "Vorrang der Demokratie vor der Philosophie": Nicht die Philosophie begründet die Demokratie, sondern umgekehrt gelte es, eine Philosophie zu vertreten, die der Demokratie am Nützlichsten ist. Und das ist für Rorty der Pragmatismus. Sie passt seiner Meinung nach am besten zu einer demokratischen Utopie. (Dr. Thomas Schäfer)

Richard Rorty wurde am 4. Oktober 1931 in New York City geboren. An der University of Chicago erwarb er 1949 den B.A. und 1952 den M.A., 1956 den Ph.D. an der Yale University. Nach Ableistung des Militärdienstes (1957-58) war er von 1958 bis 1961 als Instructor und Assistant Professor am Wellesley College tätig; von 1961 bis 1982 lehrte er am Princeton Philosophy Department, das er als Stuart Professor of Philosophy verließ, um den Posten des University Professor of Humanities an der University of Virginia zu übernehmen. Seit 1998 lehrte Richard Rorty an der Stanford University Comparative Literature und Philosophy. Neben zahlreichen Gastprofessuren in den USA und in Deutschland (Frankfurt a.M., Heidelberg) war er Fellow verschiedener Institutionen, darunter am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences in Stanford (1982-83), am Wissenschaftskolleg in Berlin (1986-87), an der American Academy of Arts and Sciences und am Stanford Humanities Center (1996-97). Er verstarb am 8. Juni 2007 im Alter von 75 Jahren in Stanford, USA.

Laudator: Prof. Dr. Jürgen Habermas, einer der bedeutendsten Philosophen der deutschen Gegenwart

„Rorty hat den Wunsch, der Philosophie jene lebenspraktische Bedeutung zurückzugeben, die sie einmal beansprucht hat. Sie soll, indem sie dem Einzelnen Orientierung anbietet und den moralischen Fortschritt der Menschheit befördert, den Zustand der Welt verbessern helfen. ... Wir sollen die Suche nach absoluten Wahrheiten aufgeben und nicht länger danach streben, das Wesen oder die Natur der Dinge zu ergründen. Wir sollen Wahrheitssuche und Erkenntnisstreben durch eine rhetorische Praxis ersetzen, die weniger an überschießenden Ideen als an den handgreiflichen Folgen der Gedanken orientiert ist. Ist erst einmal die Nutzlosigkeit der ontologischen Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung, der epistemologischen Unterscheidung zwischen Sein und Schein, der semantischen Unterscheidung zwischen wahr und falsch durchschaut, kann sich die philosophische Arbeit an den praktischen Zielen von ‚Leistungssteigerung’ und ‚Toleranz’ ausrichten. ... Für ihn bedeutet das wachsende Kontingenzbewusstsein einen Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Es ist Chance und Ansporn zu Kreativität, zur Erfindung neuer Vokabulare für ein verändertes Selbst- und Weltverständnis. Mit Innovation und Experiment kommen Erfahrungen der ästhetischen Avantgarde zum Zuge. Das Außeralltägliche der existentiellen Lebensentwürfe muss allerdings mit den Gerechtigkeitsforderungen des politischen Liberalismus und mit den Aufgaben des demokratischen Intellektuellen in Einklang bleiben.“